Kolumne

„Schönheit beginnt in dem Moment, in dem du beschließt, du selbst zu sein.“ Mit diesem Satz revolutionierte Coco Chanel einst das Frauenbild. Früher war Schönheit oft eine Uniform – man musste dazugehören, um wertvoll zu sein. Heute hat sich das Ideal (zumindest theoretisch) in Richtung Diversität verschoben. Wir zelebrieren Body Positivity und Authentizität. Doch der Kern des Problems bleibt: der ewige Vergleich. Waren es früher retuschierte Cover-Girls in Magazinen, sind es heute KI-generierte Filter in unserem Feed. Der Kampf um das „Ich-selbst-Sein“ ist heute noch genauso aktuell wie 2004 in meinem Kinderzimmer.

 

​Die Leinwand aus schwarzem Kajal

​2004 – das Jahr meiner ganz persönlichen Rebellion. Ich bin zwölf Jahre alt und die Pubertät klopft nicht nur an, sie tritt mit voller Wucht die Tür ein. Ich stehe vor dem Spiegel und betrachte mein Ich wie eine Leinwand, die dringend einen neuen Anstrich braucht. Mit tiefschwarzem Kajal umrande ich meine Augen, Schicht um Schicht werden die Wimpern getuscht, bis sie fast die Brauen berühren. Das heisse Streckeisen zischt, während ich es Strähne für Strähne durch meine Locken ziehe – ein mühsamer, aber stolzer Sieg über die Natur.

​Ein kurzer Ruck, der Nietengürtel wird ein Loch enger geschnallt, die schwarz-metallischen Armbänder gerichtet und das gestreifte Oberteil glattgestrichen. Im Spiegel blitzt mir ein glänzendes Zahnspangenlächeln entgegen. Um mich herum verschwinden die Wände unter einer Flut aus Punk-Rock-Postern. Während die laute Musik aus dem CD-Player die Stille zerschmettert, begreife ich: Das hier ist kein blosses Verkleiden. Das ist der Moment, in dem ich beginne, ich selbst zu sein.

 

​Anonymität ist ein Privileg

​Wenn ich mein 12-jähriges Ich mit der heutigen Beauty-Welt vergleiche, liegen dazwischen nicht nur Jahre, sondern Welten. Was es in meiner Welt von 2004 nicht gab? Den digitalen Zeugen. Es gab kein Instagram, kein TikTok und kein Snapchat, die jeden meiner Schritte dokumentierten. Unsere Experimente fanden im geschützten Raum statt. Wenn der Kajal verschmierte oder die Frisur ein Desaster war, sahen das meine Freunde auf dem Pausenhof – und das war’s. Es gab keine „Likes“, die meinen Wert bestimmten, und keine Kommentarspalten, die mein Aussehen sezierten. Wir hatten das Privileg, hässlich, ausprobierend und unfertig zu sein, ohne dass ein Algorithmus uns sofort in eine Schublade steckte oder uns mit der perfektionierten Version eines Mädchens vom anderen Ende der Welt konfrontierte.

​In meiner Welt lernten wir durch echtes Scheitern, nicht durch 15-sekündige Tutorials. Schminktipps standen in der Bravo Girl und wurden am Nachmittag mit der besten Freundin vor dem Badezimmerspiegel nachgestellt – oft mit katastrophalem Ergebnis, aber mit unendlichem Spass. Unsere Idole hingen als Poster an der Wand; sie waren weit weg und unerreichbar. Wir wussten, dass sie Stars waren. Heute suggeriert uns Social Media, dass wir alle Stars sein müssten – und dass die „perfekte Haut“ der Influencerin der Standard ist, den wir bereits beim Aufwachen erreichen sollten.

 

​Der Druck der ständigen Sichtbarkeit

 

​Heute ist der Druck subtiler, aber massiver. Wir haben Zugang zu unendlichen Möglichkeiten der Selbstoptimierung, doch wir zahlen meiner Meinung nach einen hohen Preis: die ständige Verfügbarkeit des Vergleichs. 2004 konnte ich die Tür zu meinem Kinderzimmer schliessen und war einfach ich. Heute tragen wir das Urteil der Welt in der Hosentasche mit uns herum.

​Trends wie Contouring oder Glass Skin sind heute technisch perfektioniert, lassen aber kaum Raum für das herrlich unperfekte Ausprobieren meiner Jugend. Das heutige Frauenbild hat sich für Kurven und verschiedene Körpertypen geöffnet, was ein riesiger Fortschritt ist. Doch gleichzeitig ist der Körper mehr denn je ein Projekt. Wir sagen „Liebe deinen Körper“, aber gleichzeitig boomen minimalinvasive Eingriffe wie Filler oder Botox bereits bei Anfang Zwanzigjährigen. Der Vergleich mit anderen passiert heute 24/7 und beeinflusst den Selbstwert teilweise enorm.

Was sich wirklich verändert hat, ist die Komplexität. Die Freiheit, alles sein zu dürfen, führt oft dazu, dass wir uns verpflichtet fühlen, alles gleichzeitig zu sein: erfolgreich, fit, achtsam, perfekt gepflegt und dabei absolut „echt“. Wer heute rebelliert, tut dies oft für die Kamera. Das 12-jährige Mädchen von 2004 rebellierte nur für sich selbst – und das war ihre wahre Superkraft.

 

​Von der Rüstung zur Essenz

 

​Heute ist der Kajal dezenter geworden, das Glätteisen bleibt oft im Schrank und der Nietengürtel liegt in der Erinnerungskiste. Doch der Kern von Coco Chanels Zitat hallt lauter nach als je zuvor. Damals war das Schwarz meine Rüstung. Ich brauchte die laute Musik und die harte Optik, um mich gegen die Erwartungen der Welt abzugrenzen. Es war eine notwendige Phase, um herauszufinden, wer unter der Schminke eigentlich steckt.

​Wahre Schönheit bedeutet für mich heute, die Maske – und die digitalen Filter – fallen zu lassen. Die echte Transformation findet nicht vor dem Spiegel oder auf dem Display statt, sondern im Kopf. Es ist der mutige Entschluss, sich nicht mehr hinter einer „Uniform“ oder einem Algorithmus zu verstecken, sondern die eigene Unverwechselbarkeit zu feiern.

​Egal, ob ihr heute eure natürliche Mähne tragt oder das Glätteisen zum Glühen bringt: Schönheit ist kein Standard, dem wir hinterherlaufen müssen. Sie ist das Aufatmen in dem Moment, in dem der Vergleich aufhört. Traut euch, die Regeln zu brechen. Seid laut, seid bunt, seid schwarz-weiss – aber vor allem: Seid euch selbst. Denn genau dort, wo das Handy weggelegt wird, und der Vergleich endet, beginnt eure ganz eigene, unbezahlbare Schönheit.

 

Text: Anja Macello

Bild: Gemini